Warum Leistungsträger:innen Überforderung oft spät erkennen und was Unternehmen dagegen tun können

Sie übernehmen Verantwortung, lösen Probleme und bleiben handlungsfähig, wenn es schwierig wird. Gerade leistungsorientierte Menschen sind es gewohnt, auch unter Druck zu funktionieren. Was im Berufsleben eine Stärke ist, kann jedoch dazu beitragen, dass die eigene Überforderung lange unbemerkt bleibt.

Dabei ist Leistung an sich nicht das Problem. Kritisch kann es werden, wenn hohe Anforderungen dauerhaft auf zu wenige Möglichkeiten zur Erholung und Bewältigung treffen. Der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger beschreibt Stress als ein wahrgenommenes Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und den eigenen Bewältigungsmöglichkeiten.

Wenn aus „Ich kann“ langsam „Ich muss“ wird

Wer wiederholt schwierige Situationen gemeistert hat, weiß um die eigene Belastbarkeit. Das kann Sicherheit geben, aber auch dazu führen, dass erste Warnzeichen relativiert werden.

Ursprünglich positive Eigenschaften können sich unter dauerhafter Belastung verändern: Aus dem Wunsch, gute Arbeit zu leisten, wird der Anspruch, keine Fehler machen zu dürfen. Aus Verantwortungsbewusstsein entsteht das Gefühl, dass es ohne einen selbst nicht funktioniert. Und aus „Ich kann das“ wird irgendwann „Ich muss das schaffen“ (Stephanie Tyczka, 2026).

Sinkt die eigene Leistungsfähigkeit, reagieren Betroffene mitunter mit noch mehr Einsatz: Konzentrationsprobleme werden durch längeres Arbeiten kompensiert, fehlende Erholung auf die nächste ruhigere Phase verschoben. So kann eine Spirale aus mehr Anstrengung, weniger Regeneration und zunehmender Erschöpfung entstehen. Gerade Menschen mit hoher Verantwortung können Belastungen zudem lange kompensieren und nach außen weiterhin souverän wirken. Funktionieren und gesund sein sind jedoch nicht dasselbe.

Leistung ist nicht das Problem, sondern das Ungleichgewicht

Ob Belastung langfristig zum Problem wird, hängt nicht von einem einzelnen Faktor ab. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel von Arbeitsanforderungen sowie persönlichen, sozialen und organisationalen Ressourcen.

Zu möglichen Stressoren zählen etwa hoher Zeitdruck und hohe Arbeitsdichte, lange Arbeitszeiten, häufige Unterbrechungen, geringe Handlungsspielräume sowie Rollenunklarheit und Zielkonflikte. Führungskräfte sind darüber hinaus häufig mit mehreren Aufgaben gleichzeitig und widersprüchlichen Anforderungen konfrontiert.

Nicht jede dieser Situationen lässt sich eindeutig oder sofort auflösen. Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, mit Unsicherheit, Mehrdeutigkeit und widersprüchlichen Anforderungen umzugehen, kann dabei helfen, auch in solchen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Sie ist jedoch kein Ausgleich für dauerhaft belastende Arbeitsbedingungen: Wo strukturelle Ursachen bestehen, müssen auch diese berücksichtigt werden.

Den Belastungen stehen verschiedene Ressourcen gegenüber. Dazu gehören etwa Selbstwirksamkeit und Entspannungsfähigkeit, aber auch soziale Unterstützung, Anerkennung und Wertschätzung, ein gutes Betriebsklima sowie Handlungsspielräume und Partizipation. Geraten Anforderungen und Ressourcen dauerhaft aus dem Gleichgewicht, kann aus kurzfristigem Stress eine chronische Belastung werden, mit möglichen Folgen wie Erschöpfung und sinkender Leistungsfähigkeit.

Warnsignale frühzeitig erkennen

Überforderung zeigt sich nicht immer plötzlich. Zu möglichen Warnsignalen gehören beispielsweise ungewohnte Leistungsschwankungen, mehr Fehler oder Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme, hektisches Verhalten, Rückzug, zunehmende Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen oder Versagensängste. Einzelne dieser Anzeichen bedeuten nicht automatisch, dass eine psychische Erkrankung oder ein Burnout vorliegt. Führungskräfte sollen deshalb weder diagnostizieren noch therapieren. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Veränderungen wahrzunehmen, sie wertfrei anzusprechen und bei Bedarf weitere Unterstützung anzustoßen. Dabei sollten Führungskräfte den Blick nicht nur auf ihre Mitarbeiter:innen richten, sondern auch die eigene Belastung regelmäßig reflektieren und Veränderungen im eigenen Befinden oder Verhalten ernst nehmen.

Psychische Unterstützungsangebote in Unternehmen sind noch immer mit Hemmschwellen verbunden. Führungskräfte können dazu beitragen, diese abzubauen, indem sie entsprechende Angebote selbstverständlich nutzen und damit einen offenen Umgang mit psychischer Gesundheit vorleben. (Female Wirtschaftstalk der Kleinen Zeitung, 22.05.2025)

Was Unternehmen und Führungskräfte tun können

Überforderung entsteht nicht ausschließlich durch den persönlichen Umgang mit Stress, sondern auch durch die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird. Deswegen darf die Verantwortung nicht allein bei den einzelnen Mitarbeiter:innen oder Leistungsträger:innen liegen. Handlungsspielräume, soziale Unterstützung sowie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Engagement und Anerkennung sind wichtige Faktoren für Gesundheit, Leistung und Engagement. Gerade in intensiven Phasen können außerdem klare Prioritäten und Vorgaben Orientierung geben.

Auch auf persönlicher Ebene gibt es Ansatzpunkte. Führungskräften wird beispielsweise empfohlen, Aufgaben bewusst zu delegieren, ständige Erreichbarkeit zu begrenzen, Zeitfresser zu identifizieren und regelmäßige Pausen einzuplanen.

Entscheidend ist damit nicht, Menschen darin zu trainieren, immer mehr auszuhalten. Vielmehr braucht es ein Zusammenspiel aus persönlichen Ressourcen und Arbeitsbedingungen, die dauerhafte Überlastung möglichst verhindern. Denn langfristige Leistungsfähigkeit entsteht nicht durch unbegrenzte Belastbarkeit, sondern dort, wo Anforderungen und Ressourcen in einem gesunden Verhältnis bleiben.

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