GASTKOMMENTAR von Alexander Tschinder

Einordnung: KI und Medien im Wandel

Bei der Kleinen Zeitung müssen wir uns mit der harten Frage auseinandersetzen, ob künstliche Intelligenz den Journalismus ersetzt. Unsere Antwort darauf lautet klar: nein. Aber sie verändert ihn schneller und tiefgreifender als jede technologische Entwicklung seit dem Smartphone. KI ist kein weiteres Werkzeug, sondern ein Paradigmenwechsel. Sie zwingt uns, Medien nicht mehr nur als besuchbare Orte (App, Website, Print) zu begreifen, sondern als Systeme. Systeme, die Inhalte, Services und Nutzerbedürfnisse intelligent miteinander verbinden. Genau darin liegt unsere Chance und Zukunft: KI nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Hebel für bessere Produkte und stärkere Kundenbeziehungen.

Mehr Nutzung, mehr Nähe: Die Vorlesefunktion mit geklonter Stimme

Ein gutes Beispiel dafür ist unsere Vorlesefunktion. Abonnent:innen können Artikel anhören - mit einer KI-geklonten Stimme, die in unserem Fall auf der sehr bekannten Stimme von Barbara Haas basiert und bewusst nicht nach Maschine klingt. Das ist der erste Schritt, um den „Ort“ zu verändern. Wir holen unsere Inhalte dorthin, wo Lesen nicht möglich oder nicht gewünscht ist: ins Auto, in die Küche, auf den Spaziergang. Für unsere Leser bedeutet das mehr Flexibilität, für uns längere Use-Time und ein klar wahrnehmbarer Mehrwert des Abos. Wichtig war uns dabei der „Human in the Loop (HITL)“ Ansatz. Die Audio-Dateien werden zwar automatisiert erzeugt, allerdings immer von den Redakteur:innen überprüft, um unzureichender Qualität entgegenzuwirken.

Vom Archiv zum Service: Der Archiv-Bot als Abo-Argument

Noch mehr Potenzial sehen wir im Archiv-Bot, an dem wir aktuell arbeiten. Die Kleine Zeitung verfügt über Jahrzehnte journalistischer Berichterstattung - ein enormer Wissensschatz, der bisher nur schwer zugänglich war. Mit einem KI-gestützten Archiv-Bot ändern wir das grundlegend. Nutzer können künftig Fragen stellen wie an einen persönlichen Rechercheassistenten: nach historischen Zusammenhängen, regionalen Entwicklungen oder früheren Einschätzungen zu aktuellen Themen. Eine Demokratisierung des Wissens.

Aus strategischer Sicht ist das kein reines Technikprojekt, sondern ein Produktversprechen. Wir machen Tiefe, Kontext und Erinnerung zu einem Service. Gerade im Abo-Kontext ist das entscheidend. Wer merkt, dass ein Abonnement nicht nur tagesaktuelle News liefert, sondern Orientierung über Jahre hinweg, bleibt loyal. Der Archiv-Bot wird so zu einem starken Argument für den Aboabschluss.

Abschied von den Blue Links: Medien im Zeitalter von Liquid Media

Parallel dazu beobachten wir eine massive Veränderung im Nutzerverhalten. Die klassischen Blue Links verlieren an Bedeutung. Immer öfter kommen Antworten direkt aus KI-Systemen, ohne dass jemand unsere Website besucht. Für Medien heißt das: Reichweite allein ist kein verlässliches Ziel mehr. Relevanz schon.

Die Antwort der Medien Branche (und auch unsere) heißt Liquid Media. Inhalte der Kleinen Zeitung sollen dort verfügbar sein, wo unsere Leser - oder ihre KI-Assistenten - sie brauchen. Nicht als Klickmaschine, sondern als vertrauenswürdiger Service. In dieser neuen Logik zählt nicht mehr, wie oft jemand auf einen Link klickt, sondern ob unsere Marke als glaubwürdige Quelle in KI-Antworten präsent ist - und, technisch, ob KI-Assistenten unserer Abonnent:innen auf unsere Inhalte zugreifen können. Wir von der Kleinen Zeitung sind überzeugt: Wer heute in sinnvolle KI-Features investiert, investiert nicht in Technik, sondern in Beziehung. Und genau diese Beziehung wird im Zeitalter intelligenter Agenten über den Erfolg von Medien entscheiden

Über Alexander Tschinder

Kleine Zeitung Alexander Tschinder

Als AI Strategist bei der Kleinen Zeitung treibt Alexander Tschinder die Entwicklung und Integration von medienrelevanten und redaktionellen KI-Lösungen voran.

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