Die Lehre. Österreichs unterschätzter Zukunftsplan.

GASTKOMMENTAR von Christian Kolbl, Leiter der Lehrlings-, Meisterprüfungs-, Ingenieur-Zertifizierungs- und HBB-Validierungs- und Prüfungsstelle & Sabine Sattler-Tremesberger, Teamleitung Talentcenter der WKO Steiermark.
Wenn andere Länder auf Österreich blicken, beneiden sie uns nicht nur um Berge und Mehlspeisen. Sie schauen auf etwas, das viele von uns für selbstverständlich halten: die duale Ausbildung. Kurz: die Lehre.
Während junge Menschen anderswo oft lange theoretisch vorbereitet werden und danach Praxisplätze suchen, passiert in Österreich etwas sehr Spannendes: Betriebe bilden ihren Nachwuchs selbst aus – mit all dem, was die angehenden Fachkräfte für ihren Arbeitsalltag brauchen. Jugendliche lernen im Betrieb, besuchen die Berufsschule, verdienen ab dem ersten Tag eigenes Geld und erleben unmittelbar, wofür ihr Können gebraucht wird. Ein echtes Esset in einer Zeit, in der alle von Praxisnähe sprechen.
Doch die aktuellen Zahlen und Trends zeigen auch Druckpunkte: Die Zahl der Lehrlinge ist in den vergangenen Jahren gesunken, ebenso die Zahl der Betriebe, die Lehrlinge ausbilden. Gleichzeitig bleibt der Bedarf an qualifizierten Fachkräften hoch. Dieses scheinbare Paradox hat mehrere Ursachen: demografischer Wandel und ein starker Zug Richtung Matura und Studium. Hinzu kommt ein Passungsproblem zwischen Angebot und Nachfrage. Betriebe finden oft keine geeigneten Bewerber, während das Image vieler Lehrberufe trotz guter Karriere- und Einkommenschancen hinter akademischen Bildungswegen zurückbleibt.
Dabei verändert sich die Arbeitswelt rasant. Künstliche Intelligenz übernimmt Routineaufgaben. Was bleibt – und was gefragt wird – sind Menschen, die denken und handeln. Neben technologischen und digitalen Kompetenzen sind vor allem Lernbereitschaft, Flexibilität, kritisches Denken sowie die Fähigkeit gefragt, eigenverantwortlich und im Team zu arbeiten. Auch soziale Kompetenzen wie Kommunikationsstärke, Empathie und Verlässlichkeit gewinnen weiter an Bedeutung. Eine Lehre vermittelt daher weit mehr als berufliche Kenntnisse: Sie befähigt junge Menschen, in einer sich wandelnden Arbeitswelt handlungsfähig zu bleiben. Wer eine Lehre macht, lernt daher nicht nur einen Beruf. Er oder sie lernt, in einer veränderlichen Arbeitswelt handlungsfähig zu bleiben.
Das Talentcenter der WKO Steiermark leistet dazu einen konkreten Beitrag: Mit dem wissenschaftlich fundierten Talentcheck erhalten Jugendliche an der Schwelle zur ersten Bildungs- und Berufsentscheidung klare Orientierung – auf Basis ihrer individuellen Stärken und Interessen. Keine Schubladen, sondern Perspektiven. Und eine zentrale Erkenntnis zieht sich dabei durch alle Empfehlungen: Talent allein reicht nicht. Es braucht eine Ausbildung. Lehre, Schule oder Studium.
Auch die Lehre selbst entwickelt sich weiter. Lehre mit Matura, moderne Modullehrberufe und die Duale Akademie zeigen, wie vielfältig berufliche Bildung heute ist. Die Duale Akademie spricht etwa AHS-Maturant und Umsteiger an, verbindet Praxis mit Fachtheorie und eröffnet attraktive Wege in IT, Technik, Handel oder Logistik.
Die Zukunft der Lehre entscheidet sich nicht nur in Werkstätten, Betrieben oder Berufsschulen. Sie entscheidet sich auch in unseren Köpfen. Solange wir berufliche und akademische Bildung gegeneinander ausspielen, verschenken wir Chancen.
Österreich braucht beides: kluge Köpfe und geschickte Hände — am besten in derselben Person. Die Lehre ist keine Krisengeschichte. Sie ist ein Erfolgsmodell im Wandel. Und wer jungen Menschen heute das richtige Rüstzeug gibt, stärkt nicht nur ihre Zukunft, sondern auch die Zukunft unserer Unternehmen.
Mit dem Talentcheck lernen junge Menschen ihre Stärken und Talente kennen und haben so eine wissenschaftliche Basis für ihre Berufsentscheidung. Im Talentcenter gibt es Angebote für Jugendliche ab 13 bis zur Matura.
Mehr erfahren unter: www.talentcenter.at
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